18.11.2011 | Belgrad

„Mein Vater war ein Mörder“

Die Tochter des Gestapo-Chefs von Belgrad stellt ihre Nachforschungen über die Verbrechen ihres Vaters der Belgrader Öffentlichkeit vor

RLS - SEE / „Mein Vater war ein Mörder“

Auf der Suche nach der Wahrheit über ihren Vater Bruno Sattler kam Beate Niemann im Jahr 2001 zum ersten Mal nach Belgrad. Als Chef der Gestapo 1942-44 stand Sattler in direkter Verantwortung für die Vernichtung der jüdischen Frauen und Kinder aus dem Lager Sajmište („Judenlager Semlin“) im Gaswagen und unterschrieb tausende von Todesurteilen. Auf der Recherche über die Verbrechen Sattlers wurde Beate Niemann ein Jahr lang von dem Dokumentarfilmer Yoash Tatari begleitet. Es entstand der Dokumentarfilm „Der gute Vater. Eine Tochter klagt an”. Im Rahmen des Projekts „Besuch auf Staro Sajmište - Kriterien und Maßstäbe der Erinnerung“ http://starosajmiste.info/de/ wurde der Film zum Tag der Befreiung am 20. Oktober 2011 erstmalig in Belgrad gezeigt. Nach der Filmvorführung im mit über 300 BesucherInnen überfüllten Saal des Kulturzentrums Rex stellte sich Frau Niemann den Fragen der Belgrader Öffentlichkeit.

Die Geschichte der Familie Niemann ist ein Spiegel der deutschen Nachkriegsvergangenheit. Jahrzehntelang galt der Vater in Frau Niemanns Familie als „unschuldiges Opfer der DDR-Justiz“. Sattlers Kollegen, wie beispielsweise sein Vorgesetzter und Chef des SD Serbien, Emanuel Schäfer, waren in der Bundesrepublik Deutschland längst auf freiem Fuß. Während Sattler in der DDR zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden war, wurde Schäfer in der Bundesrepublik nach nur drei Jahren entlassen. Mit der Absicht, ihren Vater posthum zu rehabilitieren, stellte Beate Niemann nach der Wende einen Antrag auf Rehabilitation und beantragte die Einsicht in die Stasi-Unterlagen bei der Gauck-Behörde. Als sie von den grausamen Verbrechen erfuhr, die ihr Vater in Russland, Serbien und anderen deutsch besetzten Gebieten begangen hatte, war sie geschockt. Sie beschloss, sich der Geschichte ihres Vaters zu stellen und begab sich auf die Suche nach Dokumenten über seine Verbrechen, die sie 2001 auch nach Belgrad führte.

Im Kontext des Projektes zur Geschichte des lange Zeit vergessenen Konzentrationslager Sajmište, das vom Kulturzentrum Rex mit Unterstützung der RLS durchgeführt wird, kam Beate Niemann im Oktober diesen Jahres zum zweiten Mal nach Belgrad. Bereits am Tag ihrer Ankunft wurde Frau Niemanns Besuch auf der Titelseite der Tageszeitung Blic angekündigt. Fast alle serbischen Tageszeitungen und das öffentliche Fernsehen hatten sich für Interviews angemeldet. Geduldig und mit großer Sorgfalt antwortete Beate Niemann während ihres dreitägigen Aufenthalts auf die Fragen der Journalisten. Auch die kroatische Tageszeitung Jutarnji List hatte ein Team geschickt. Den größten Eindruck bei den Journalisten hinterließ Frau Niemanns Mut, sich gegen die Lügenwelt und das Schweigen ihrer eigenen Familie zu wenden. In einigen Artikeln wurde auch der der Umgang der serbischen Gesellschaft mit den Verbrechen während der Jugoslawienkriege hinterfragt.

Auch im Publikumsgespräch nach der Projektion des Films im bis auf den letzten Platz gefüllten Saal wurde dieses Thema angesprochen. Beeindruckend für viele BesucherInnen war, dass Frau Niemann persönlich die Vergangenheit ihres Vaters erforschte und sich mit seinen Verbrechen direkt konfrontierte, indem sie mit den Nachkommen der Opfer Kontakt aufnahm. Nur wenn wir unsere Geschichte kennen und die Geschichte der anderen, so Frau Niemann, hätten wir eine gemeinsame Zukunft. Mahnmale alleine würden dafür nicht ausreichen. Im Bezug auf ihre Arbeit an Schulen hob sie den Dialog mit Nachkommen von Opfern hervor, den sie oft auch vor Schulklassen führe.

Die Filmvorführung und das Gespräch mit Frau Niemann erzeugt großes Interesse an weiterführenden Veranstaltungen. Das öffentliche Fernsehen RTS und verschiedene Organisationen meldeten bereits Interesse an dem Film über Beate Niemann an, im Kulturzentrum in der südserbischen Stadt Niš wurde am 9. November von einem örtlichen antifaschistischen Kollektiv eine Projektion organisiert.

Zum Projekt „Besuch auf Staro Sajmište - Kriterien und Maßstäbe der Erinnerung“:

2010 besuchte eine Gruppe junger Leute aus Serbien und Deutschland das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Sajmište, um die Geschichte des Ortes und die Diskussion um seine Zukunft in Interviews zu recherchieren und zu dokumentieren. Die Rosa Luxemburg Stiftung unterstützte die Initiative, die Ergebnisse der Recherche im Internet zu veröffentlichen und damit der breiten Öffentlichkeit einen Zugang zur Geschichte des Geländes zu verschaffen. Im Frühling 2011 ging die serbisch- deutsch- und englischsprachige Webseite starosajmiste.info online.

Die Vorstellung der Webseite, auf der auch die laufenden Aktivitäten des Projekts „Besuch auf Staro Sajmište - Kriterien und Maßstäbe der Erinnerung“ angekündigt und dokumentiert werden, war der Auftakt zu einer Reihe von Veranstaltungen, die im Laufe des Jahres 2011 vom Kulturzentrum Rex durchgeführt werden. Die Seminare zum Thema Faschismus, Widerstand und Kollaboration stellen das Konzentrationslager in den historischen Kontext und begegnen dem von den serbischen Institutionen betriebenen Geschichtsrevisionismus, der den Hintergrund für die seit 2004 offizielle Rehabilitation von an den faschistischen Verbrechen beteiligten Kollaborateuren bildet.

Die Ortsbegehungen und Führungen an Orte, die historisch mit dem Lager Sajmište in Verbindung stehen, sprechen ein breites Publikum an. Im Sommer wurde das Lager Topovske šupe besucht, in dem 1941 fast die gesamte männliche jüdische und Roma Bevölkerung Belgrads interniert wurde bevor die Männer in den Racheaktionen der Wehrmacht erschossen wurden. Eine zweite Führung begab sich auf die Spuren des Widerstands im Zentrum Belgrads und besuchte Orte der Sabotage, der Solidarität mit den Verfolgten, der Organisation des Widerstands, aber auch der Folter und Hinrichtung der kommunistischen Widerstandskämpferinnen und -kämpfer. Die Arbeitsgruppe, die die Führungen vorbereitet, lud je nach Thema Sprecher und Sprecherinnen ein, die ihr Wissen oder eigene Erfahrung mit einbrachten und einen Teil der Führung übernahmen.

Mit den Ortsbegehungen macht die Gruppe erste Schritte in der Entwicklung einer linken, antifaschistischen Erinnerungspraxis, die politisch zur Gegenwart Bezug nimmt und zur Selbstaneignung von Geschichte anleitet, zu der die Analyse der Bedingungen von Faschismus und Kapitalismus und die Beschäftigung mit der Organisation des Widerstands genauso gehört wie die die Kritik des Opfer- und Heldenmythos, der Ethnisierung der Opfer und der Gleichsetzung von Kommunismus und Faschismus. Im Jahr 2012 sind weitere Ortsbegehungen geplant. Um die Gruppe von AktivistInnen, die solche Führungen übernehmen können, zu vergrößern, soll für Aktivisten und Professionelle, die selbst Führungen vorbereiten wollen, eine Orientierungshilfe geschaffen werden; dazu zählen u.a. MitarbeiterInnen von Schulen, Museen, Kulturinstitutionen und Bildungseinrichtungen. Aus diesem Grunde werden die Materialen, die für die Führungen und in den Seminaren erarbeitet wurden, im nächsten Jahr in überarbeiteter Form als Handbuch herausgebracht werden.

Text: Rena Rädle, Mitarbeiterin des Projektes



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