04.05.2012 | Berlin

Geschichtsrevisionismus und Antifaschismus

Osteuropaforum der Rosa Luxemburg Stiftung in Berlin

RLS - SEE / Geschichtsrevisionismus und Antifaschismus

Das Osteuropaforum der Rosa Luxemburg Stiftung, das zweimal jährlich Interessierte aus dem Wissenschafts-, Partei- und Stiftungsumfeld zur Diskussion lädt, tagte am 04. Mai 2012 zum Thema «Geschichtsrevisionismus und Antifaschismus» in den Staaten Osteuropas. Vor knapp 30 TeilnehmerInnen leitete der Leiter des Referats "Osteuropa", Ivo Georgiev, in die Veranstaltung ein, begrüßte die anwesenden Gäste und sprach über die grundlegenden konzeptionellen Vorstellungen, die dem Osteuropaforum als einem offenen Diskussionsforum zugrunde liegen. Krunoslav Stojaković, Projektmanager Südosteuropa, umriss anschließend den thematischen Fokus und stellte die beiden ReferentInnen, Boris Stamenić und Renate Rädle, vor.

In seinem Inputreferat ging der Historiker Boris Stamenić (Promotionsstipendiat der Rosa-Luxemburg-Stiftung) auf die historischen Bezugspunkte und die verschiedenen Erscheinungsformen des Geschichtsrevisionismus in Osteuropa ein. Anhand unterschiedlicher symbolischer Praktiken, etwa der Herausgabe bestimmter Briefmarkeneditionen, der Umbenennung von Plätzen oder der Versetzung antifaschistischer Denkmäler an die Peripherie der Städte, bzw. ihrer vollständigen Zerstörung, zeichnete Stamenić die unterschiedlichen, vom Staat geförderten Geschichtspolitiken. Dabei fokussierte sich der Referent nicht nur auf die postkommunistische Geschichtspolitik, sondern auch auf unterschiedliche Arten historischer Erinnerung während des staatssozialistischen Systems.

In Jugoslawien dominierte der internationale Charakter des antifaschistischen Befreiungskampfes (versinnbildlicht unter anderem im Motiv von "Boro und Ramiz", zwei Partisanen die 1943 im Kosovo gefallen sind), während in Albanien der Fokus vor allem an der Herausstellung des albanischen Präsidenten Enver Hoxha und seines "Kampfes" gegen ideologische Gegner lag. In den postkommunistischen Gesellschaften lassen sich ebenfalls markante Unterschiede der staatlichen Geschichtspolitik erkennen. In Estland etwa überwiegt eine negative Erinnerungspolitik an die Befreiung durch die Rote Armee, während in Weißrussland explizit ein positiver Bezug zur Sowjetunion gezogen wird. Interessant der Fall Kroatiens: dort wurde 1993 eine Briefmarke zu Ehren des (kroatischen) antifaschistischen Widerstandskämpfers und Schriftstellers Ivan G. Kovačić herausgegeben und, wie vom Referenten überzeugend dargelegt, zweifach erinnerungspolitisch instrumentalisiert: zum einen ging es der staatlichen Erinnerungspolitik um eine Ethnisierung des Opfers (als Kroate) als auch um eine Ethnisierung der Täter (Serben).

Im Anschluss an den Vortrag entwickelte sich eine äußerst rege Diskussion unter den Teilnehmern, allen voran die Frage, wie die Erinnerungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland gestaltet wird.  Nicht nur, dass die Erinnerung an den antifaschistischen Widerstand in der BRD jahrelang vernachlässigt, bzw. bewusst im Hintergrund gehalten wurde (dem bürgerlichen Widerstand dagegen breiter Raum eingeräumt worden ist), auch die Geschichtspolitik im Hinblick auf die DDR wurde kritisch hinterfragt.

Im anschließenden Referat von Renate Rädle von unserer Belgrader Partnerorganisation REX ging es um einen praktischen Beitrag zur Erinnerungspolitik anhand des Projektes zum KZ Staro sajmište. Auf dem Gelände der alten Belgrader Messe im Zentrum der Stadt wurde, so die Referentin, zunächst ein Konzentrationslager, später dann ein Durchgangslager für die jüdische Bevölkerung Osteuropas eingerichtet. Nachdem dieses Lager jahrelang kaum in der Öffentlichkeit thematisiert worden ist, oder national instrumentalisiert wurde indem man die Gründung des Lagers auf die Besatzung durch deutsche, italienische und kroatische Faschisten zurückführte, konnte Renate Rädle mit ihrer Projektarbeit diesen Mythos ausräumen und nach weisen, dass die Einrichtung auf Initiative der serbischen Lokalverwaltung hin veranlasst wurde. Neben dem Vortrag konnten die Teilnehmer anhand audiovisuellen Materials einen konkreten Einblick in die Projektarbeit bekommen.

Text: Krunoslav Stojaković, RLS Berlin

Foto: Protest gegen die Rehabilitierung des Četnik-Führers Draža Mihailović in Belgrad 2012, Autor unbekannt.




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